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in der Nordpfalz daheim. ..

Viktoriastift Finkrnbach-Gersweiler

TORSTEN SCHLEMMER

Die Geschichte des Viktoriastifts in Finkenbach-Gersweiler

Allen Nordpfälzern ist es ein Begriff: Das Viktoriastift in Finkenbach-Gersweiler. Das wohl bedeutendste und größte Landgut des Donnersbergkreises steht dort am nördlichen Ortsausgang in Richtung Schiersfeld, direkt am Lauf des Baches Moschel, am Fuße des Hahnscheides. Das ehemals prächtige Hofgut des Finkenbacher Kaufmannes Heinrich Lieser und spätere Kindererholungsheim, NSV-Müttergenesungsheim, Landesum-schulungshof, sowie Altenheim und Siechenhaus, lässt heute leider nur noch den Glanz und Prunk seiner einstigen Blütezeit erahnen.

 

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Diese schlossartige, großzügige Dreiflügelanlage, die wohl alle Bauwerke der 360 Seelen­gemeinde mit ihrer Größe übertrifft, wurde in den Jahren 1919 bis 1922 nach den Plänen des Ludwigshafener Architekten August Greifzu für den gebürtigen Finkenbach-Gersweilerer Kaufmann Heinrich Lieser im neubarocken Stil erbaut. Das großartige Bauwerk besteht aus zwei landwirtschaftlichen Zweckbauten, links eine riesige Scheune mit bergseits befahrbaren Hochtennen, rechts ein großes Verwaltungsgebäude mit ausge­dehnten Stallungen und Schlachthaus, sowie das höhergelegene, alles überragende Herrenhaus. Das prächtige Herrenhaus vereinigt auf klassische Weise Stilelemente der Epoche des Historismus. Ein barock anmutender sechseckiger Dachreiter beherrscht mit einem Drittel der Gesamthöhe majestätisch das ganze Gebäude und prägt das Aussehen. Die Veranda misst mehrere hundert Quadratmeter.

Eine sehr aufwendig gearbeitete Sandsteinbrüstung mit Blumenbecken und Vasenbekrö­nung zierte sie einst. Das Portal mit der schweren Eichenholztür, etwas in die Gebäude­front zurückversetzt und durch eine offene Vorhalle mit vier geschosshohen Halbsäulen betont und gegliedert, wird von einem schmal überstehenden Balkon optisch hervorgeho­ben und außerdem durch einen barock geschwungenen Giebel in der Wirkung verstärkt. Gleich dahinter im Innern der Villa schreitet man in eine doppelgeschosshohe Empfangshalle, die an Rücken und Seite eichenholzvertäfelt, mit reichen Stuckarbeiten und einer Kaminimitation aus Sandstein versehen ist. Vier neubarocke Rundsäulen fangen unter zwei Gewölben die ganze Last des Dachgeschosses ab. Ein Blick nach oben zeigte eine riesige Stuckdecke mit Verzierungen und Kronleuchter. Durch eine Holztreppe gelangt man ins erste Geschoss. Dort gruppieren sich rund um die Halle, fast wie in einer großen Galerie gegliedert, die einzelnen, mit hölzernen Kassettendecken und Parkettböden ausgeschmückten Räume.

Heinrich Lieser, der Erbauer des späteren Viktoriastiftes, wurde im Dezember 1891 als Sohn armer Taglöhnerleute in Finkenbach-Gersweiler geboren. Er verlor früh den Vater und musste wegen der Not der Mutter außer Haus gehen. Wie in den dörflichen Solidargemeinschaften damals noch üblich, fand er bei der Bauernfamilie von Friedrich Schmitt, auf dem Finkenbacher Hasenberg Aufnahme. Der Junge machte sich dort wohl so gut in der Landwirtschaft, dass gewisse Talente des Zöglings nicht länger im Verborgenen bleiben konnten. Das Eisenwarengeschäft Braunwell in Kirchheimbolanden sah deshalb den 17jährigen Heinrich Lieser bald als Kaufmannslehrling. Nach der Lehre landete er in Ludwigshafen in einem jüdischen Geschäft der gleichen Branche, wo er während des Ersten Weltkrieges angestellt war. Dort arbeitete bald auch seine spätere Frau Maria Adam, eine fünf Jahre ältere Kontoristin aus Viernheim, die ihm zwei Söhne gebar. Diese ermög­lichte ihm durch ihre Herkunft und die guten Verbindungen ihrer Familie die Selbstständigkeit. Der erste Sohn Willi verstarb schon recht früh. Der Jüngste namens Karlheinz wurde bereits mit 38 Jahren Professor.

In Mannheim blühte bald darauf das eigene Geschäft, mit Hilfe dessen er besonders wäh­rend des Krieges viel Geld verdiente. Lieser lieferte Schrauben an die Badische Anilin-und Sodafabrik (BASF) in Ludwigshafen und brachte, auch durch diverse Kriegsspekulationen, während der Revolutionszeit, binnen kurzer Zeit ein solches Vermögen zusammen, dass er in Finkenbach circa 120 Tagewerk Feld kaufte, sein Hofgut erbaute und auch in Ludwigshafen mehrere Häuser kaufte. 1924 ließ Lieser ein eigenes geräumiges Haus für seine Angestellten und Arbeiter am Ortsausgang errichten, das heute im Volksmund als „Zoll" bezeichnet wird. Doch bald darauf wurde er, wie das Finkenbacher Schultagebuch und andere Aufzeichnungen berichten, wegen Bestechung der BASF-teamten vor Gericht gestellt und erhielt zwei Jahre Gefängnis. Trotzdem zeig­te sich Lieser sehr wohltätig. Er stiftet das neue Werk für die Kirchenorgel und gab enor­me Zuschüsse für die neuen Glocken und das imposante Kriegerdenkmal. Für die Volksschule stiftete er einen neuen Ofen und 250 Mark zur Anschaffung eines Lichtbilder-und Kinoapparates. Im Jahre 1925 erbaute er die Turnhalle, die den örtlichen Vereinen, der Schule und der Gemeinde unentgeltlich zur Verfügung stand. Er nahm sogar Heinrich Klein vom Hasenberg als Pflegekind zu sich auf das Hofgut, übernahm ständig die Kosten zur Rollstuhlreparatur des "Wäälschje Karl" (Karl Bayer) und zeigte sich sozial eingestellt. Er wollte der Bevölkerung zeigen, dass auch aus einem bettelarmen Bauernsohn ein rei­cher Mann werden kann, der es zu etwas bringt.

Doch das neue Glück hielt nicht lange an. Im Januar 1926 hatte Lieser Geschäftsaufsicht. Am 4. Februar wurde er zum zweiten mal verhaftet und zwar wegen betrügerischem Konkurs. Da ihm keine Betrügereien nachgewiesen werden konnten, wurde er Anfangs Mai freigelassen und der Konkurs aufgehoben. Seine Schulden beliefen sich nach ver­schiedenen Aussagen auf rund 300.000 Mark. In 1 1/2 Jahren verschleuderte er durch Spekulationen, Bürgschaften, glänzende Hofhaltung und anderes diese hohe Geldsumme. Die Hauptgläubiger waren die Darmstädter Bank mit 93.000 Mark, die Bayrische Hypothekenbank mit 63.000 Mark, die Sparkasse Mannheim mit 50.000 Mark, die Sparkasse Finkenbach mit 23.000 Mark und viele Einzelgläubiger. Das Geld der Sparkasse Finkenbach erhielt Lieser durch die Gutmütigkeit des Rechners Heinrich Herr, der es ihm ohne Bürgschaften und ohne Mitwissen der Vorstandschaft überließ. Durch rastlose Tätigkeit der Vorstandschaft und des Rechners gelang es schließlich für die angegebene Summe Sicherheiten in Form von Hypotheken zu erlangen. Es war jedem klar, dass Lieser sein „Lustschloss", wie es spottisch genannt wurde, nicht mehr länger halten konnte. 1926 wurde das Hofgut mit dem Einverständnis der Sparkasse Finkenbach, die das Vorkaufsrecht hatte, an die Kinderheilanstalten in Bad Kreuznach verkauft. Die Turnhalle verkaufte Heinrich Lieser für 6.000 Mark an die Gemeinde.

Er lebte mit seiner Frau in dem Haus Nummer 3 in der Hauptstraße, wo er ein gut gehen­des Eisenwarengeschäft führte. Lieser war immer ein Gegner des Nationalsozialsmus und kritisierte die Hitler-Regierung ständig, was ihn oft in Schwierigkeiten brachte. Die, die vor dem NS-Regime, von ihm profitiert hatten, wollten im Dritten Reich nichts mehr von ihm wissen. Zeitzeugen berichten, er habe sogar mit dem Volksempfänger auf der Moschel-Brücke gestanden und die Reden Hitlers ins Lächerliche gezogen. Dies war wohl auch der Grund für einen Überfall der SA am 30./31. März 1933. Bei dem Überfall der SA-Kräfte aus Finkenbach, Waldgrehweiler und Obermoschel - der sich einige Monate später wiederholte - wurde das Haus, sowie dessen Einrichtung stark beschädigt, wie das Bürger­meisteramt Bisterschied 1946 bescheinigte. Heinrich Lieser kam sogar in Schutzhaft. Bei seiner Entlassung musste er versichern, dass er keinlerei Aktivitäten oder Äußerungen gegen die NS-Regierung mehr macht und sich verpflichtet, sämtliche Geschäftsbeziehun­gen mit den Juden einzustellen. 1938 folgte die Scheidung von seiner Frau. Schließlich verließ Lieser seinen Heimatort wieder und arbeitete in seinem erlernten Beruf weiter.

Heinrich Lieser heiratete in Frankfurt erneut. Aus zweiter Ehe wurde ihm eine Tochter namens Brigitte geschenkt. In die Ehe brachte seine neue Partnerin den Sohn Fritz mit. Lieser arbeitete im Eisenhandel in Mannheim, Frankfurt, Berlin und anderen Metropolen Deutschlands. Er verfügte über sehr gute Kontakte und besaß etliche Immobilien. Seine zweite Frau kannten nur wenige in Finkenbach, sie war eine Großstädterin, die mit Finkenbach nichts am Hut hatte. Man erzählt sich, dass auch diese Liebe nicht von Dauer war und es der Frau wohl eher auf die materiellen Dinge ankam.

Nach dem Krieg kaufte sich Heinrich Lieser das Haus neben seinem Elternhaus an der Hauptstraße als Alterswohnsitz. Das einstige Kriegsgefangenenlager, eine alte Scheune, baute er sich als Wohnhaus um. Richtig bewohnt hatte es Lieser jedoch nie, immer nur dann, wenn er in Finkenbach zu Besuch war. 1959 verstarb Lieser und wurde auf dem Finkenbacher Friedhof beigesetzt. Nach Ablauf der Liegezeit spendeten die Hinterbliebenen 25.000 Mark an die Ortsgemeinde, so dass Heinrich Lieser umgebettet werden durfte.

Vom Kindererholungsheim bis zum Altenheim und Siechenhaus

Nachdem Heinrich Lieser 1926 bankrott ging, kam die protestantische Kinderheilanstalt Viktoriastift in den Besitz des Anwesens. Sie richtete im selben Jahr noch eine 25 Kilometer vom Haupthaus in Bad Kreuznach entfernte Zweiganstalt in Finkenbach-Gersweiler ein, in der Kinder zur Nachkur untergebracht wurden. Das Kindererholungs­heim verfügte über 80 Betten. Die Kinder waren in dem neuen, schlossähnlichen Herrenhaus und den zu diesen Zwecken umgebauten Nebengebäuden des 250 Morgen gro­ßen Hofgutes untergebracht. Breite Terrassen mit Liegestühlen, Spielplätze, Parkanlagen und Waldwege dienten zur Durchführung einer ausgiebigen Klima- und Sonnen­behandlung. Buben und Mädchen waren in getrennten Häusern untergebracht. Großartige Schlafräume zu fünf bis sechs Betten mit fließendem Wasser, Baderäumen und Dusch­anlagen mit Planschbecken, sowie allen Anforderungen entsprechende Quellwasser-leitungen waren vorhanden. Für gute Verpflegung sorgte das mit den modernsten landwirt­schaftlichen Maschinen und Geräten ausgestattete Hofgut. 50 Kühe, 100 Schweine, eine besondere Hühnerfarm mit etwa 500 Hühnern und sonstiges Kleinvieh wurden gehalten.

Eine elektrische Melkmaschine mit Tiefkühlung gewährleistete gute Milcherzeugnisse wie Joghurt, Buttermilch und Butter. Eine saubere und große Schlachterei sowie große Obst-und Gartenanlagen lieferten den nötigen Bedarf an Fleisch, Obst und Gemüse. Das Hofgut gab so viel an Nahrung ab, dass die Anstalt in Bad Kreuznach leicht mitversorgt werden konnte. Die Betreuung der Kinder erfolgte durch ausgebildete Kinderpflegerinnen und Hortnerinnen. Die ärztliche Leitung lag in den Händen eines Doktors und die Vorsteherindes Kinderheims war eine erfahrene Diakonissenschwester. Wanderungen, Ausflüge, Spielen im nahen Wald und auf Wiesen, Gartenarbeit und Turnen standen auf dem Er­holungsprogramm. Dass Kinderheim nahm während des gesamten Sommers erholungsbe­dürftige Kinder im Alter von vier bis 14 Jahren auf, für die eine Kurdauer von vier Wochen vorgesehen war. Sie kamen zum größten Teil aus dem Koblenzer Raum und wurden über das damalige Landesjugendamt Koblenz zugestellt. Für die Kinder fand ein 14-tägiger Aufenthalt in Bad Kreuznach und ein 14-tägiger Aufenthalt in Finkenbach statt. Am zwei­ten Sonntag im September 1928 brannten das Verwaltungs- und das Stallungsgebäude bei einem Großfeuer bis auf die Grundmauern nieder und musste wieder neu errichtet werden. Bereits fünf Jahre später, 1933, wurde das Kinderheim geschlossen.

Stattdessen wurde nun im Juni 1934 in der Villa ein NSV-Müttergenesungsheim eingerich­tet. Die Mütter kamen aus allen Gebieten der Pfalz, um hier im naturbelassenen und ruhi­gen Nordpfälzer Bergland Erholung zu finden. Auch diesmal wurde eine Bettenzahl von 80 Stück vorgehalten. Im Obergeschoss des Verwaltungsgebäudes entstand ein Erholungsheim für circa 120 erholungsbedürftige Reichsbahnkinder. Sie kamen vor allem aus dem Großraum Berlin und verbrachten in den Sommermonaten eine vierwöchige Freizeit in der Nordpfalz. Anders als das Kinderheim war das Müttergenesungsheim ganz­jährig offen. Im Winter sorgte eine moderne Heizungsanlage für warme Räume. Vor Beginn des Westfeldzuges diente das Stift sogar kurzzeitig als Stabsquartier für durchzie­hende Truppenverbände und nach dem Zusammenbruch der Westfront als Auffanglager für die heimkehrenden Soldaten. Im Jahre 1943 folgte wieder ein Wechsel. Im Verwaltungs­gebäude wurde ein Landesumschulungshof für junge Burschen eingerichtet, in dem diese bis 1957 in der Landwirtschaft angelernt wurden. Das Müttergenesungsheim im Herren­haus wurde aufgelöst und in ein Altenheim und Siechenhaus verwandelt.

Das Altenheim hatte es sich zur Pflicht gemacht, alle gebrechlichen Menschen, die ohne Heimat waren, aufzunehmen und zu pflegen. Der Krieg hatte solche bedauernswerte Opfer in großer Zahl hervorgebracht. Die Greise, fast alle zwischen 70 und 80 Jahren alt, waren oft nur mit der notdürftigsten Kleidung versehen. Viele erreichten das Heim nur in Decken gehüllt und mussten mit Kleidung versehen werden. Eine Handtasche war oft ihr einziges Hab und Gut. Sie waren gebrechlich, ausgebombt, aller Habseligkeiten beraubt und ohne Heimat. Zwei Drittel, der zum größten Teil Frauen, stammten aus der stark ausgebombten Stadt Saarbrücken und das restliche Drittel aus Ludwigshafen, sowie dem gesamten pfäl­zischen Raum. Das Altenheim war eine Zweiganstalt des Viktoriastiftes in Bad Kreuznach. Die Belegzahl belief sich immer auf zwischen 50 und 85 Personen. Die Pfleglinge waren in zwei großen Gemeinschaftsschlafräumen, unten links in der Villa, untergebracht. Das Pflegepersonal wohnte im Obergeschoss des Gebäudes. Zur Pflege der alten Leute standen zwei Diakonissenschwestem und anderes Pflegepersonal zur Verfügung. Die Versorgung war recht schwer, da das Heim so arm war und man oft nicht wusste, wie man die Mahlzeiten gestalten sollte. Es fehlte an fasst allem. Die sanitären Anlagen ließen auch zu wünschen übrig. Gebadet wurde in hölzernen Waschzubern im Keller der Villa, wo gleich nebenan die verstorbenen Heiminsassen aufgebahrt wurden. Im Durchschnitt starben sechs bis zehn Insassen pro Jahr. Kühlschränke und sonstige elektrische Geräte waren eine Seltenheit. Das Geld war oft so knapp, dass man sogar mit dem Taschengeld der Heiminsassen wirtschaftete. Spaziergänge und Ausflüge waren in der Kriegszeit nicht möglich gewesen, da die „Jabos", wie die tieffliegenden Flugzeuge genannt wurden, auf alles schossen was sich bewegte. Selbst Versorgungsgänge nach Obermoschel waren sehr gefährlich. Die Wäsche musste mit einem Pferdegespann in die Wäscherei nach Odernheim gebracht werden. Die alten Menschen bewegten sich tagsüber in den hausei­genen Park- und Gartenanlagen und halfen bei der Essenzubereitung mit

Erst in dem letzten Kriegsjahr wurden die Verhältnisse etwas besser. Die Amerikaner brachten ständig Kisten mit Nahrung und Kleidung. An den Festen und Feiertagen wurde mit Schallplattenspielern Musik gemacht und gefeiert. Die Schüler der Volksschule spiel­ten Theater und manchmal fanden Schlachtfeste im Landesumschulungshof statt. über 40 Personen standen für die Betreuung der Hilfsbedürftigen zur Verfügung. Bei fahrenden Händlern konnten die Heiminsassen 14-tägig persönliche Dinge von ihrem Taschengeld kaufen. Eine Ölzentralheizung wurde eingebaut um im Winter bessere Wärme zu liefern. In der Küche kochten drei bis vier Frauen in großen Töpfen auf Kohleherden das Essen. Ab den 50er Jahren halfen an den Werktagen sieben bis acht Frauen in Bad Kreuznach bei Garten- und Küchenarbeiten mit. Als Dank erhielten sie ein Stück Seife oder kleine Geschenke. Jeden Monat wurde Großvieh geschlachtet und jede Woche vier Schweine, erinnerte sich der ehemalige Bedienstete Max Schmidtbauer. Das Brot und andere Lebensmittel lieferten die Bäckereien Franz Handel, Eugen Schmidt und später auch die Bäckerei und Gemischtwarenhandlung Erwin Sattler. Gegessen wurde anfangs im Speisesaal und im Sommer manchmal auf der Terrasse. Später wurden auch Frauen von der Landesnervenklinik Klingenmünster nach Finkenbach eingewiesen und das Viktoriastift als Nebenstelle eingerichtet. Sie waren entmündigt und wurden vom Amtsarzt Dr. Dörr betreut. Es waren Personen mit leichten nervlichen Störungen, die nicht in eine geschlossene Anstalt mussten.

Im Jahre 1957 wurden die Wirtschaftsgebäude des Landesumschulungshofes wegen Unrentabilität geschlossen. Die kriegsbedingten wirtschaftlichen Verhältnisse hatten sich soweit stabilisiert, dass das Land keine jungen Männer mehr an die Landwirtschaft heran­führen musste. Die landwirtschaftlichen Zweckbauten wurden schließlich für zwölf Jahre an die Ostdeutsche Familie Hainke verpachtet. Die Beschäftigten wurden teilweise vom Pächter übernommen. 1970 kam das Altenheim in die Schlagzeilen. Angeblich sollte die Heimleiterin Margarethe Putzler sechs Jahre lang die Heiminsassen gequält und misshan­delt haben. Schließlich schaltete sich auch die Staatsanwaltschaft ein und die Leiterin wurde vom Dienst suspendiert. Doch Ende 1971 konnte auch das Altenheim nicht mehr gehalten werden. Es war unmöglich geworden dieses in der Abgeschiedenheit Finkenbachs zu erhalten. Aber auch die Kosten für die Erneuerung sanitärer Anlagen und die Bauunterhaltung waren Immens. Hinzu kam, dass kein geeignetes Pflegepersonal mehr zur Verfügung stand. Die Pfleglinge wurden auf die Alten- und Pflegeheime in Heidesheim, Klingenmünster-Landeck und Dierdorf verteilt und das Heim geschlossen.

Vom Verkauf bis zur Gegenwart

Nach der Schließung des Altenheimes folgte 1972 die Veräußerung der Hofanlage, zusam­men mit über 60 Hektar Land, der Arbeiterwohnung „Zoll" und Teilen des zu Schiersfeld gehörenden Sulzhofes. Hans Schecker aus Griesheim durfte sich stolzer Käufer und Eigentümer nennen. Der neue Eigentümer erwies sich als großer Planer, doch seine gro­ßen Sanierungs-, Umbau- und Erweiterungspläne scheiterten kläglich. Schecker schob die Schuld auf die mangelnde Zusammenarbeit mit den Behörden. Diese konterten, dass die Finanzierung und die Sicherheitsleistungen nicht erbracht werden könnten. Schließlich, nach einiger Zeit der Ungewissheit, wurde das Anwesen gesplittet. Das Herrenhaus konn­te Gladys Louise Williscroft, geborene Buck, aus Erzenhausen, wohnhaft in Kalifornien ihr Eigen nennen. Das Verwaltungsgebäude mit den ausgedehnten Stallungen behielt Hans Schecker. Eigentümer der riesigen Scheune wurde das christliche Sozialwerk für Bildungs- und Lebenshilfe in Frankfurt/Main mit seinem Leiter Willi H. Weißensee. Große Teile der landwirtschaftlichen Flächen wurden veräußert und verpachtet. Anfang der 90er Jahre waren die Familien Hans und Udo Schecker in Darmstadt und Alfred-Andre, Heinz-Dennis, Lars und Marc Nagtegaal in Taunusstein als Eigentümer des gesamten Komplexes Textfeld: 22 23eingetragen. Eine Gesellschaft wurde gegründet. Pläne von einem Kur- und Erholungs­gebiet im oberen Moscheltal mit über 80 Einfamilienhäusern im Landhausstil, einem Sportzentrum, einer Seniorenresidenz mit Restaurant, Hotel, Weinkeller, Beauty Farm, Tennisplätzen, Reitstall samt Gestüt und einer Golfanlage, für das Projekt „Betreutes Wohnen" und anderes scheiterten immer wieder wegen Mangel an Investoren oder Uneinigkeiten zwischen den verschiedenen Eigentümern. 1977 wurde sogar ein Abrissantrag gestellt. Doch für die Bürger Finkenbach-Gersweiler waren diese Pläne schon „eh und je" nur fragwürdige Visionen.

Die seit 1993 als Denkmalzone unter Schutz stehenden Gebäude sollten restauriert und mit neuem Leben gefüllt werden. Doch statt dessen wurde nichts getan. Regen und Witterung hatten freien Lauf und der Zahn der Zeit nagte weiter an der historisch so bedeutsamen Bausubstanz. Auf Vorbringen der Situation durch den Landtagsabgeordneten Rudolf Franzmann schaltete sich 1990 sogar der damalige Ministerpräsident in das Geschehen ein und wollte sich um eine schnelle Lösung bemühen. Doch lediglich die Neueindeckung des ehemaligen Herrenhauses mit Schiefer wurde 1992 veranlasst und mit großer Unterstützung des Landesamtes für Denkmalpflege verwirklicht. Doch für die Regenbeseitigung schien das Geld nicht mehr gereicht zu haben. Fünf Jahre lang waren keine Regenfallrohre an die neuen Regenrinnen der Villa angebracht, so dass das Wasser am Mauerwerk herunterlief. Im November 1995 erließ die untere Denkmalschutzbehörde bei der Kreisverwaltung erstmals unter Androhung eines Zwangsgeldes eine Renovie­rungsverfügung, nach welcher alle Regenrinnen auf Funktion und Dichtigkeit zu prüfen, sämtliche Regenrinnen anzuschließen, fehlende und defekte Glasscheiben der Fensteranlagen zu ergänzen, die schadhaften Mauern zu erneuern, fehlende Ziegeln der Dachflächen zu ergänzen, Ortgänge herzustellen und Holzgesimse zu erneuern sind. Doch erst im Winter 1996 wurde eine Baufirma mit der Teilausbesserung aller Dachflächen, der Vernagelung aller Türen und Fenster mit Holz, der Neuerrichtung der zusammengefalle­nen Stützmauer an der Grubstraße und einigen kleinen Mauerwerkausbesserungen beauf­tragt.

Das Anwesen verfällt nach und nach. Doch von der Straße aus gesehen sind die Schäden noch nicht einmal so groß. Hier fallen lediglich die eingefallene Umfassungsmauer am Tor und die mit Brettern vernagelten Fenster ins Auge. Der Schein trügt. Erst bei einem genaueren Hinsehen kommen vielen der einstigen Angestellten und Heiminsassen, die immer wieder einmal vorbeischauen, die Tränenin die Augen. Im Innern der Villa wurden die neubarocken Säulen durch mutwilligen Ausbruch der beiden Stützbalken am Kapitell stark beschädigt. Die Stuckdecke wurde heruntergeschlagen, Fliesen von den Wänden geklopft, Sanitäre Anlagen und Wasserleitungren aus den Wänden gerissen. Die Decken sind durchnässt und drohen herunterzubrechen. Der Treppenaufgang zum Herrenhaus ist total zerstört. Mauerausbrüche sind die Regel. Doch das Wirtschafts- und Verwaltungs­gebäude ist am stärksten betroffen. Hier fehlen sämtliche Regenrinnen und Fallrohre. Auf der Gebäuderückseite mangelt es auf mehreren Quadratmetern Fläche an einer Dacheindeckung. Die notdürftig aufgelegten Plastikplanen sind schon zerrissen und ver­fault. Durch den immensen Regeneinfall brechen im Innern sämtliche Mauern und Decken langsam aber sicher wegen Nässe zusammen. Der Speisesaal ist komplett zerstört. Die Decke hängt herunter und ist teilweise schon herabgefallen. Im Innern befindet sich ein großer Müllberg aus alten Decken, Matratzen, Schränken und Betten. Die Stützmauern zum Bach Moschel hin sind ausgespült und durch Baumbewuchs ausgebrochen. Sogar die Hauptbrücke ist durch Schäden gefährdet. Lediglich die Scheune ist in einem relativ guten Zustand. Doch auch hier treten immer mehr Schäden durch fehlende Regenbeseitigung auf.

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